Die Dichotarier und der Untergang von Atlantis
Es heiรt, dass es am Anfang aller Dinge keine Gegensรคtze gab.
Es gab kein Oben und kein Unten, kein Hell und kein Dunkel, kein Innen und kein Auรen. Die Dinge waren einfach, wie sie waren, und niemand wรคre auf den Gedanken gekommen, sie voneinander zu trennen. Die Dichotarier nannten diese Zeit spรคter die Zeit des Einen.
Doch Erinnerungen sind merkwรผrdige Wesen. Sie verรคndern sich, wenn man sie zu oft erzรคhlt.
Auf ihrem Planeten war die Zeit des Einen lรคngst vergessen.
Der Planet selbst war krank geworden. Seine Meere hatten sich zurรผckgezogen und an ihren Ufern schwarze Krusten hinterlassen. Die Wรคlder standen noch, aber ihre Blรคtter bewegten sich nicht mehr im Wind. Selbst der Wind schien mรผde geworden zu sein.
Unter der Erde bebten die alten Feuer.
Die Stรคdte der Dichotarier waren einst prรคchtig gewesen. Sie hatten Tรผrme gebaut, die bis in die Wolken reichten, und Gรคrten, in denen die Blumen nachts leuchteten. Doch irgendwann hatten sie begonnen, ihre Welt zu teilen.
Zuerst teilten sie nur die Dinge.
Sie sagten: Das gehรถrt mir und das gehรถrt dir.
Dann teilten sie die Gedanken.
Das ist richtig, jenes ist falsch.
Dann teilten sie die Menschen.
Die einen waren so, die anderen anders.
Und schlieรlich teilten sie sogar die Zeit.
Es gab eine Vergangenheit, die man verehrte, und eine Zukunft, die man fรผrchtete.
Zwischen all diesen Teilungen wurde das Dazwischen immer kleiner.
Niemand wusste mehr, wann es begonnen hatte. Vielleicht hatte รผberhaupt niemand damit begonnen. Vielleicht war die Trennung langsam gekommen, wie ein Schatten, der sich am Abend รผber eine Wiese schiebt.
Doch eines Tages bemerkte ein altes Dichotarier-Kind, dass die Sonne auf seinem Planeten nur noch auf eine Hรคlfte der Stadt schien.
Es fragte seinen Vater:
โWarum ist die andere Hรคlfte dunkel?โ
Der Vater sah hinaus und sagte:
โWeil sie dort nicht hingehรถrt.โ
Das Kind fragte:
โWer hat das bestimmt?โ
Der Vater antwortete nicht.
Viele Jahre spรคter erinnerte sich niemand mehr an dieses Gesprรคch.
Aber der Planet erinnerte sich.
Und eines Tages begann er zu sterben.
Die Dichotarier wussten, dass sie nicht bleiben konnten. Sie bauten ein groรes Schiff, obwohl niemand genau wusste, wohin es fliegen sollte. Es war kein Schiff aus Metall. Es war aus den Erinnerungen ihres Volkes gebaut.
Sie legten darin Bilder ihrer Stรคdte ab, Stimmen ihrer Toten, Samen ihrer Pflanzen und Geschichten ihrer Groรmรผtter.
Sie nahmen sogar eine Handvoll Erde mit.
โDamit wir wissen, woher wir kommenโ, sagte eine alte Frau.
Am Tag der Abreise war der Himmel rot.
Tausend Dichotarier bestiegen das Schiff.
Niemand winkte zurรผck.
Denn hinter ihnen gab es nichts mehr, dem man hรคtte winken kรถnnen.
Das Schiff stieg in den Himmel und verschwand zwischen den Sternen.
Es flog durch Gegenden, in denen die Sterne anders standen als in ihren alten Bรผchern. Es flog durch Wolken aus blauem Staub und an riesigen, lautlosen Welten vorbei.
Manchmal glaubten die Reisenden, sie wรผrden niemals irgendwo ankommen.
Dann erschien Atlantis.
Zuerst sahen sie nur einen goldenen Schimmer.
Dann Inseln.
Dann Tรผrme.
Dann das Meer.
Und schlieรlich die Stadt selbst.
Atlantis lag auf sieben groรen Inseln, verbunden durch Brรผcken aus weiรem Stein. Wasserlรคufe zogen sich durch die Straรen. In den Gรคrten standen Bรคume mit silbernen Blรคttern, und nachts schwebten kleine Lichter รผber den Kanรคlen.
Die Dichotarier hatten noch nie etwas so Schรถnes gesehen.
โVielleichtโ, sagte einer von ihnen, โist das der Ort, den wir gesucht haben.โ
Als die Atlanten das fremde Schiff am Himmel entdeckten, gingen sie nicht mit Waffen auf die Straรen.
Sie gingen zu den Toren.
Die Kรถnigin von Atlantis stand dort und sah hinauf.
Neben ihr stand ein kleines Mรคdchen.
โWer sind sie?โ, fragte das Mรคdchen.
Die Kรถnigin antwortete:
โMenschen, die eine Heimat verloren haben.โ
โDรผrfen sie hereinkommen?โ
Die Kรถnigin lรคchelte.
โWenn wir ihnen nicht helfen, wer soll es dann tun?โ
Und so wurden die Tore geรถffnet.
Die Dichotarier stiegen aus ihrem Schiff.
Sie waren erschรถpft, hungrig und voller Angst.
Die Atlanten gaben ihnen Wasser.
Sie gaben ihnen Brot.
Sie gaben ihnen Kleidung.
Sie zeigten ihnen Hรคuser, in denen niemand mehr wohnte.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit schliefen die Dichotarier, ohne darauf zu warten, dass die Erde unter ihnen zerbrach.
Die ersten Jahre waren wunderbar.
Die beiden Vรถlker erzรคhlten einander ihre Geschichten.
Die Atlanten lernten die Lieder der Dichotarier.
Die Dichotarier lernten die Tรคnze der Atlanten.
Sie bauten gemeinsam neue Hรคuser.
Sie pflanzten die Samen, die die Dichotarier von ihrem zerstรถrten Planeten mitgebracht hatten.
Bald blรผhten in Atlantis Blumen, die niemand zuvor gesehen hatte.
Die Menschen nannten sie Sternenblumen.
Sie รถffneten ihre Blรผten nur nachts und schimmerten dann wie kleine Monde.
Es schien, als hรคtte die Welt selbst beschlossen, dass alles gut werden sollte.
Doch die Welt hatte nichts beschlossen.
Welten beschlieรen nichts.
Es sind immer die Menschen, die Entscheidungen treffen.
Und irgendwann begann jemand zu sagen:
โWir sollten unterscheiden.โ
Zunรคchst war es nur eine vernรผnftige Frage.
Die Dichotarier hatten andere Gewohnheiten als die Atlanten. Sie sprachen anders. Sie aรen andere Speisen. Sie dachten anders รผber Besitz, Familie und Zeit.
Das war zunรคchst interessant.
Dann wurde es unbequem.
โBei uns macht man das andersโ, sagte ein Dichotarier.
โBei uns macht man es besserโ, antwortete ein Atlante.
Noch lachten beide darรผber.
Doch das Lachen wurde seltener.
Es dauerte nicht lange, bis die alten Worte wieder auftauchten.
Richtig.
Falsch.
Unser.
Euer.
Gut.
Schlecht.
Die Dichotarier hatten geglaubt, sie hรคtten ihre alte Welt hinter sich gelassen.
Aber sie hatten nur ihren Kรถrper verlassen.
Ihre alten Vorstellungen waren mit ihnen gereist.
Sie waren unsichtbar gewesen, solange alle gemeinsam ums รberleben kรคmpften.
Nun, da es ihnen gut ging, hatten sie wieder Zeit, sich voneinander zu unterscheiden.
Die ersten Streitigkeiten waren klein.
Ein Marktstand wurde verschoben.
Ein Gesetz wurde verรคndert.
Eine Schule sollte nach atlantenischer Art gefรผhrt werden.
Die Dichotarier protestierten.
Dann grรผndeten sie ihre eigene Schule.
Die Atlanten fanden das zunรคchst nicht schlimm.
Doch bald gab es zwei Schulen.
Zwei Rรคte.
Zwei Feste.
Zwei Arten, die Geschichte zu erzรคhlen.
Und schlieรlich zwei Geschichten darรผber, wem Atlantis eigentlich gehรถrte.
Die Kinder bemerkten zuerst, dass etwas nicht stimmte.
Sie hatten gemeinsam gespielt.
Nun sagte man ihnen, mit wem sie spielen durften.
Ein atlantenisches Mรคdchen fragte eines Tages seinen Vater:
โWarum darf ich nicht mehr mit Lira spielen?โ
โWeil sie eine Dichotarierin ist.โ
โAber sie ist doch Lira.โ
Der Vater schwieg.
Das Kind verstand die Welt nicht mehr.
Vielleicht war das der Augenblick, in dem Atlantis zu zerbrechen begann.
Nicht als die Tรผrme einstรผrzten.
Nicht als das Meer kam.
Sondern in einem kleinen Kinderherzen, das nicht verstehen konnte, warum ein Mensch plรถtzlich weniger Mensch sein sollte, nur weil er anders geboren worden war.
Die Jahre vergingen.
Die Stadt wurde reicher.
Und zugleich รคrmer.
Reicher an Mauern.
รrmer an Vertrauen.
Die Dichotarier bauten einen groรen Tempel fรผr ihre alten Gรถtter.
Die Atlanten errichteten daneben einen Tempel fรผr ihre eigenen.
Bald standen die beiden Tempel einander gegenรผber wie zwei steinerne Meinungen.
Niemand wusste mehr, dass sie einst gemeinsam einen Garten gebildet hatten.
Dann kam der Streit um die Sternenblumen.
Die Dichotarier behaupteten, die Blumen seien aus ihren Samen entstanden und gehรถrten deshalb ihnen.
Die Atlanten sagten, sie seien auf atlantenischer Erde gewachsen und gehรถrten deshalb Atlantis.
Es war ein lรคcherlicher Streit.
Aber die Menschheit hat eine erstaunliche Begabung dafรผr, aus lรคcherlichen Dingen Katastrophen zu machen.
Man stritt.
Man schrie.
Man drohte.
Und irgendwann wurden die ersten Waffen hervorgeholt.
In dieser Nacht bebte die Erde.
Niemand wusste, ob das Beben mit dem Streit zusammenhing.
Aber die alten Priester von Atlantis wussten, dass etwas geschehen war.
Sie gingen zum Meer.
Dort sahen sie Risse im Wasser.
Das Meer zog sich zurรผck.
Weit.
Sehr weit.
Die Fische lagen zappelnd auf dem Meeresboden.
Die Menschen rannten an die Kรผste.
โWas geschieht?โ
Niemand antwortete.
Dann kam die Welle.
Sie war so hoch, dass selbst die hรถchsten Tรผrme von Atlantis klein dagegen wirkten.
Sie stรผrzte รผber die รคuรeren Inseln.
Brรผcken brachen.
Palรคste zerbarsten.
Tempel verschwanden.
Das Wasser drang in die Straรen.
Menschen liefen davon, aber es gab keinen Ort mehr, an den sie fliehen konnten.
Und mitten in diesem Chaos geschah etwas Merkwรผrdiges.
Die Atlanten und die Dichotarier hรถrten auf zu streiten.
Sie begannen einander zu retten.
Ein Dichotarier zog einen alten Atlanten aus dem Wasser.
Eine Atlantenfrau trug ein fremdes Kind auf ihren Schultern.
Zwei Mรคnner, die sich am Tag zuvor noch bekรคmpft hatten, hielten gemeinsam eine Tรผr fest, hinter der Menschen Schutz suchten.
Fรผr kurze Zeit war die alte Trennung verschwunden.
Nicht weil jemand eine Regel erlassen hatte.
Nicht weil ein Kรถnig es befohlen hatte.
Sondern weil das Wasser alle Unterschiede fortspรผlte.
Atlantis versank.
Als am Morgen die Sonne aufging, ragten nur noch wenige Tรผrme aus dem Meer.
Die รberlebenden standen auf einem Hรผgel.
Sie waren schweigend.
Neben ihnen lag eine kleine Kiste.
Darin befand sich die Erde vom zerstรถrten Planeten der Dichotarier.
Ein Kind nahm die Kiste.
Es รถffnete sie.
Die Erde war noch feucht.
Und zwischen den Kรถrnern bewegte sich etwas.
Ein winziger grรผner Trieb.
โWas ist das?โ, fragte jemand.
Das Kind lรคchelte.
โEine Mรถglichkeit.โ
Niemand wusste, was es damit meinte.
Vielleicht meinte es eine neue Pflanze.
Vielleicht eine neue Welt.
Vielleicht nur den Gedanken, dass das Ende einer Geschichte nicht unbedingt das Ende von allem ist.
Die รberlebenden machten sich auf den Weg.
Sie gingen lange.
Sie gingen รผber Berge und durch Wรคlder.
Sie trugen ihre wenigen Habseligkeiten auf dem Rรผcken.
Doch etwas hatte sich verรคndert.
Sie nannten sich nicht mehr Dichotarier und Atlanten.
Sie waren Menschen geworden.
Nicht vollkommen.
Nicht erlรถst.
Nicht plรถtzlich klug.
Sie stritten weiterhin.
Sie machten Fehler.
Sie waren eifersรผchtig, รคngstlich und manchmal ungerecht.
Aber wenn einer sagte:
โWir mรผssen uns entscheiden. Entweder dies oder das.โ
Dann erinnerte sich jemand an Atlantis.
Und manchmal antwortete ein anderer:
โVielleicht gibt es noch etwas dazwischen.โ
Viele Jahre spรคter fanden sie einen Ort, an dem das Land fruchtbar war.
Dort pflanzten sie die Erde aus der kleinen Kiste ein.
Aus ihr wuchs ein Baum.
Niemand wusste, welche Art Baum es war.
Seine Wurzeln reichten tief.
Seine Zweige breiteten sich weit aus.
Und wenn der Wind durch seine Blรคtter strich, klang es, als wรผrden zwei Stimmen miteinander sprechen.
Eine helle.
Eine dunkle.
Doch wenn man lange genug zuhรถrte, merkte man, dass es gar nicht zwei Stimmen waren.
Es war eine einzige Stimme.
Nur hatte sie gelernt, mehr als eine Wahrheit gleichzeitig zu tragen.
Die Menschen nannten den Baum spรคter den Baum des Anfangs.
Und wenn die Kinder fragten, woher er gekommen sei, erzรคhlten die Alten ihnen von einem verlorenen Planeten.
Von einem Volk, das eine Heimat suchte.
Von einer Stadt, die Fremde aufgenommen hatte.
Von einem Paradies, das an seinen eigenen Gegensรคtzen zerbrochen war.
Und von Atlantis, das unterging, damit eine neue Geschichte beginnen konnte.
Doch die klรผgsten Alten erzรคhlten noch etwas anderes.
Sie sagten:
โVergesst niemals, dass Atlantis nicht an der Flut gestorben ist.โ
โWoran dann?โ, fragten die Kinder.
Die Alten sahen zum Baum.
โEs starb in dem Augenblick, in dem seine Bewohner glaubten, sie mรผssten zwischeneinander wรคhlen.โ
Die Kinder verstanden das nicht immer.
Aber das war nicht schlimm.
Manche Wahrheiten brauchen lange, bevor sie Wurzeln schlagen.
Und tief unter dem Meer, zwischen den Ruinen der alten Stadt, bewegte sich eines Tages ein kleines Samenkorn im Schlamm.
Niemand sah es.
Niemand hรถrte es.
Doch vielleicht begann dort, wo Atlantis aufgehรถrt hatte, bereits wieder etwas Neues zu wachsen.